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Hey #Netzpolitik, du bist am Arsch!

Langer Vorlauf heute bevor wir zum Punkt kommen...

Vor einer halben Ewigkeit - zumindest für mich - habe ich mich politisiert. Wir schreiben das Jahr 1999, ich war gerade einmal 12 Jahre jung.

Das ganze Unheil fand noch einmal fünf Jahre früher statt, Ende 1993 schenkten mir meine Eltern einen PC. Einen Intel 486 DX II 66. 500 MB Festplatte. Ein richtig teures Teil damals. Die zwei Freunde, die selbst einen PC hatten waren meist noch mit 20 MB Festplatten unterwegs, kein CD ROM Fach. Damals zerschoss man sich noch das BIOS, wenn man zu oft einen Hardreset durchgeführt hatte und das musste man zwangsweise doch dann und wann machen.

Es war nun nicht so, dass ich mich nicht mehr mit meinen Freunden traf - im Gegenteil. Ich verbrachte jedoch jede Minute in denen niemand Zeit hatte oder es regnete daran. Nun habe ich mir damals leider nicht das Programmieren beigebracht, denn ich war durchweg am daddeln. Zurück ins Jahr 1999. Nachdem zwei durchgedrehte Tennager mehrere Menschen an der Columbine Highschool töteten, sah die Politik unter anderem in Deutschland ihr Zugpferd für Wählerstimmen an sich herbeihuschen: Killerspiele.

Plötzlich standen die Spiele die wir mittlerweile im Internet und im Netzwerk gegeneinander zockten am Pranger und natürlich auch wir: die Gamer. Sittenlos, gewaltbereit und narnarrt in Waffen. Die Medien waren voll davon wie schlimm beispielsweise Quake und Unreal doch seien. Wir erlebten als Teens damals nicht nur gerade die erste Liebe, dass Internet, wurden Flügge sondern eben auch die Welt der Games. Games, die es so auf der NES, dem Atari und dem C64 nicht gegeben hat.

Wir haben uns angefangen gegen weitläufige Zensurlisten zu wehren und gründeten die UFoG - United Federation of Gamers. Die PC Action räumte uns damals sogar monatlich eine eigene Seite ein in der es um politische Inhalte bei Spielen ging. Die Gamerszene versagte aber Politisch komplett. Wir hatten keinen sichtbaren Widerstand organisieren können. Die einen waren zwar Alt genug um etwas in der Politik zu bewegen können, aber nicht genügend. Die anderen waren schlicht und ergreifend zu jung und hatten kein Geld. Schaut man sich die Auflagen der Spielemagazine von damals so an, muss es in Deutschland mindestens 400.000 Spieler gegeben haben.

Wir nähern uns der Dotcomblase. Gefühlt seit 1998 stieg wöchentlich die Zahl der Stufenkamerad*innen in meiner Schule die nicht nur einen großzügigen Zugang zu einem PC hatten sondern auch in das Internet konnten.

Die meisten über ein 56k Modem (Elsa <3), der ein oder andere sogar mit einer ISDN Flatrate. Neben SMS gab es eine zweite Kommunikationslinie: i seek you. Kurz: ICQ. (Ich habe das Teil nun schon Jahre nicht mehr benutzt und trotzdem habe ich die Nummer im Kopf: 98437874.) Die Suche von Dingen im Internet funktionierte damals noch über starre Kataloge, dank GeoCities blinkte es überall und gefühlt jede zweite Domain endete mit .de.vu!

Nun müssen wir langsam die Spreu vom Weizen trennen: Für viele war das Internet ein reines Kommunikationsmedium, irgendwann kamen vermehrt Mails, Wikipedia und die indexisierte Suche hinzu. Für andere wie mich, war das Internet nicht nur dazu da. Es war zu teilen auch ein Lebensmittelpunkt, es gehörte dazu. Man brauchte es um mit Freunden zu zocken, um im IRC zu idlen, Foren zu trollen. Wir sahen Letsbuyit kommen und gehen, sahen wie ICQ verschwand, das IRC immer noch lebt und betrauerten das Sterben von dotcomtod! Für uns war das Internet nicht einfach ein Arbeitsmittel und wir waren und sind nicht einmal wenige.

Viele die bis jetzt noch lesen, dürften mit dem Kopf nicken. Nicht die gleichen Tools, nicht der gleiche Weg, nicht die gleichen Seiten aber das Gefühl, dass stimmt. Plötzlich kam die Politik und wollte uns das Internet wegnehmen. Im Nachhinein betrachtet eine wahnsinnig dumme Sichtweise, weil uns das Web niemals im Ansatz gehörte, aber vielen - auch mir - wurde das damals erst bewusst. Es war nur das erste Mal, dass die Politik dies auch in den Medien breit diskutierte.

Viele der "Netzbürger" waren so wütend, dass sie sogar eine Partei gründete. Diese Menschen gründeten also eine Partei obwohl viele davon so massiv unpolitisiert waren, dass wir hier fast von einem Weltwunder reden könnten, aber es zeigt ihre unenedliche Fassungslosigkeit über das, was gerade geschah. Als die CDU nun "Stopp-Schilder" für das Internet erfand, gingen in Berlin zehntausende Menschen dagegen auf die Straße. Zensursula und STASI 2.0 war geboren. Der CCC verbreitete Schäubles (damals Innenminister) Fingerabdruck den sie von einem Wasserglas hatten.

Mittlerweile sind wieder einige Jahre vergangen. Seit Snowden wissen wir - davor war man eher Verschwörungstheoretiker - das vieles schlimmer als besser geworden ist. Und wir, die in diesem "Netz leben", denen das Netz wichtig ist und die die es brauchen? Die kriegen oftmals ihren Arsch nicht mehr hoch. Auf der Freiheit statt Angst 2014 Demo waren nur noch knapp 10.000 Menschen unterwegs.

Wir bloggen, wir twittern, wir unterschreiben im Netz Petitionen und empören uns jeden Tag. Zur Not vor dem Spiegel. Wir erreichen damit niemanden mehr, zumindest niemanden der in der Politik etwas zu entscheiden hat. Wir gehen nicht mehr auf die geschlossen auf die Straße, wir organisieren uns nicht mehr geschlossen in einer Partei, wir kriegen es noch nicht einmal hin, dass die Netzpolitischen Organisationen ordentlich Geld über Spenden zur Verfügung gestellt bekommen. Wir beschäftigen keine Lobbyisten die für die Netzpolitik im Bundes- und Europarat Dinge in unsere Richtung lenken.

Liebe Netzpolitik,

liebe Netzpolitiker,

liebe Menschen denen das Netz am Herz liegt.

Ihr seit gerade dabei unsere Freiheit im Netz zu verkacken. Organisiert euch. Hebt euern Arsch von der Couch und geht auf die Straße. Spendet endlich mal monatlich Geld an Netzpolitische Organisationen, denn von denen gibt es genug: Netzpolitik e.V., die PIRATEN, D64, Digital Courage und viele mehr.

Ansonsten ist es eure Schuld, dass die Generationen nach uns das freie Netz und Bürgerrechte nur noch vom Hören-Sagen kennen.